Bestseller geschrieben.

Bin total perplex.

Dann mal los!

Wie es war, auf Sylt aufzuwachsen.

Dann mal los!
Susanne Matthiessen

Sie kennen Sylt? Von wegen!

Das Buch

Ein faszinierender Blick hinter die Kulissen von Deutschlands beliebtester Ferieninsel. Die Suche nach einer Heimat, die es so nicht mehr gibt.

Die Autorin

"Sektflaschen Öffnen" als Kernkompetenz lernte sie schon in ihrer Kindheit. Als gebürtige Sylterin kann sie aber noch einiges mehr.

Die Insel

Wie unter einem Brennglas zeigen sich auf Sylt die Sehnsüchte und Widersprüche der deutschen Gesellschaft in konzentrierter Form.

Hinter den Kulissen
der Insel

„Wie alle Sylter bin ich in der Nordseeklinik bei auflaufendem Wasser auf die Welt gekommen. Direkt hinter der Düne. Auf Sylt kamen die Kinder immer mit der Flut. Setzten die Wehen ein, überprüfte die Hebamme ersteinmal den Gezeitenkalender. Lief das Wasser ab, hatten alle immer noch jede Menge Zeit. Ob das jetzt genauso ist, wenn man auf dem Festland geboren wird, weiß ich gar nicht. Die Babys kommen ja jetzt aus Flensburg. Ob die auch mit der Flut rausgespült werden? Haben Säuglinge, die an der vergleichsweise zivilisierten Ostsee zur Welt kommen, denselben Respekt vor der Unberechenbarkeit des Meeres wie wir? Spüren sie die Gefahr des lauernden Untergangs? Gehören sie noch zu unserer Schicksalsgemeinschaft?“

Susanne Matthiessen

Susanne Matthiessen, Jahrgang 1963, ist gebürtige Sylterin. Als Journalistin verarbeitet sie gesellschaftspolitische Entwicklungen zu Programmideen für Radio, Fernsehen und Internet. Sie hat unter anderem als Redaktionsleiterin der TV-Magazine Dunja Hayali (ZDF), Gabi Bauer (ARD) und Sabine Christiansen (ARD) gearbeitet. 

In den Hauptrollen von "Ozelot und Friesennerz"

Was die Inselkinder sagen...

"Genauso habe ich die Zeit in Erinnerung. Dieses Buch ist unglaublich wertvoll, wenn man verstehen will, wie Sylt funktioniert."

Claudia
Sylterin

"Ich dachte immer, wir hätten eine ganz normale Kindheit gehabt. Bis ich dieses Buch las."

Jörg
Sylter

"Nur wer die Vergangenheit kennt, kann für die Zukunft etwas ausrichten. Das Buch erinnert uns alle an unsere Verantwortung für die Insel."

Nann
Sylter

"Großartiger Schreibstil. Ich bin keine Leseratte, aber deine Zeilen ziehen einen in den Bann."

Lars
Sylter

"Ich bin auch eine von denen, die zurückgekommen sind auf die Insel. Und nachdem ich Susannes Buch gelesen habe, weiß ich auch, warum."

Birgit
Sylterin

"Ein treffsicherer Blick hinter die Kulissen unserer Heimatinsel. So ist es gewesen."

Korne
Sylterin

Als Insulaner sind wir tatsächlich eine "Schicksalsgemeinschaft".  Da hat Susanne völlig recht.

Dirk
Sylter

Leseprobe:
"Wie alles begann..."

Damals hat man ja noch wochenlang Urlaub gemacht im Sommer. Niemand kam nur für ein paar Tage nach Sylt. Vier Wochen Ferien am Stück waren normal. „Haus voll?“, riefen sich die Sylter über die Straße hinweg zu. Bis unters Dach hatte man vermietet. In jedem Schlafzimmer gab‘s ein Waschbecken, und der ganze Strand war voll mit diesem seidenweichen weißen Muschelsand, der so fein durch die Finger rieselt und den man heute nur noch in den Dünen findet, weil er unten am Strand vom Meer weggeholt und nach Amrum getragen wurde, sodass man jetzt über die gesamte Fläche nur noch diesen grobkörnigen, eher braunen Sand hat, der vom Meeresgrund geholt und jedes Jahr vorgespült wird, damit Sylt nicht untergeht. Und dass damals die Polizei kommen musste, um mich zu meinen Eltern zurückzubringen, ist heute eher eine lustige Anekdote, die meine Mutter immer wieder gern erzählt. Sylt in den Sechzigern und Siebzigern, ja, das war eine wilde Zeit. Meine Güte. Ist das alles wirklich passiert? Ich war ein Baby. Und dass es damals so aus dem Ruder lief, wird auch damit zu tun gehabt haben, dass die Pellmanns wochenlang im Ehebett meiner Eltern schliefen.

Sie waren über Jahre unsere Sommergäste und wohnten oben im ersten Stock. Herr Pellmann war immer dunkelbraun gebrannt und hatte am ganzen Körper eine Menge schwarzer Haare und dazu schneeweiße Zähne. Er fühlte sich einfach toll an. Bei ihm schlief man auf beheiztem Fell. Seine Frau trug eine Brille und hatte eine ziemlich fest sitzende Frisur und war auch insgesamt wenig beweglich. Sie soll in einer Bibliothek gearbeitet haben. Sie war nett und hat immer viel gelacht. Im Gegensatz zu ihr ging aber von ihrem Mann, Herrn Pellmann, eine unglaubliche Hitze aus, die man schon spürte, wenn er nur die Arme ausgebreitet hatte und lachend auf mich zukam.

Ich fand es schön, zwischen den beiden zu schlafen. Jedenfalls schöner als bei meinen Eltern. Die übernachteten unten im Wohnzimmer auf der kleinen Couch mit dem grünen Cordbezug. Genauer gesagt, meine Mutter schlief da drauf. Mein Vater lag davor auf einer Matratze am Boden. Für mich gab‘s noch den Sessel. Aber da schlief ich eher selten, weil ich einfach zu unruhig war, wie meine Mutter immer sagte. Sie beschwerte sich, dass sie meinetwegen nicht ausreichend Schlaf bekam. Das tat sie allerdings niemals laut. Und nie mit Worten. Das tat sie telepathisch.

Wir lebten hautnah zusammen mit diesen vielen Menschen, die im Sommer die Insel überfluteten.

Man brauchte ein funktionierendes inneres Antennensystem, um meine Mutter zu verstehen. Es sind lautlose Klopfzeichen. Wer mit ihr zu tun hat, lernt über die Jahre, auf diese Zeichen zu achten. Als Kind hat man sich am besten still verhalten und aufmerksam registriert, in welchem Zustand sich meine Mutter befand. Sie war immer im Stress. Mal mehr. Mal weniger. Aber niemals entspannt. Das begann schon mit dem frühen Aufstehen, um für unsere Sommergäste rechtzeitig das Frühstück auf den Tisch zu bekommen, bevor sie dann ins Geschäft ging und mit ihrem Hauptjob weitermachte.

Wie alle Sylter damals vermieteten wir jedes Bett in unserem Dünenhaus, Dr.-Ross-Str. 34. Es war ein sehr kleines Backsteinhaus, quadratisch, eine Querstraße vom Strand entfernt. Es gab dort sechs Betten in vier Zimmern und eine sehr fies knarrende Holztreppe vom Erdgeschoss in die obere Etage. Wir hatten ein Elternschlafzimmer mit dem Ehebett meiner Eltern, ein Dreibettzimmer und das Einzelzimmer. Im Wohnzimmer, das direkt in die kleine Küche überging, hausten in der Saison meine Eltern. Die Anziehsachen hingen auf einem rollbaren Ständer, den mein Vater aus der Firma mitgebracht hatte, und sonst gab‘s da eigentlich nichts. Ich kannte keine Familie in Westerland, in der es anders war. Wir lebten hautnah zusammen mit diesen vielen fremden Menschen, die die Insel im Sommer überfluteten. Es war eng. Es war laut. Wir teilten uns ein einziges Bad.

Im Dreibettzimmer logierte Herr Berg aus Berlin zusammen mit seiner Familie. Herr Berg war Vertreter für Sekt und hatte sehr viele Kunden in den Westerländer Hotels, Gaststätten und Bars. Seine Tochter nannte er Liebchen. Wie die meisten Kurgäste damals wurde Herr Berg von der Fremdenverkehrszentrale am Bahnhof an uns vermittelt. Fünfzehn Mark pro Person und Nacht mit Frühstück. Als Herr Berg zusammen mit seiner Familie sein Zimmer bezog, wechselte die Temperatur im Haus. Von da an wurde gefeiert und getrunken. Schon wieder eine neue Verpflichtung für meine Eltern. Kaum kamen sie spät aus ihrem Geschäft, schon begann für sie die Nachtschicht am Abendbrottisch mit der Familie Berg – egal wie müde. Und auch das war in allen Häusern in der Nachbarschaft gleich. Gute Gastgeber gingen nicht ins Bett. Und man hat einfach auch gern gefeiert.

Ein bisschen später servierte dann meine Mutter schon wieder das Frühstück in unserer schönen verglasten Holzveranda im Bäderstil. Eine Waschmaschine hatten wir nicht. Wäsche gekocht wurde auf dem Herd in einem riesigen Kochtopf. Und das blieb alles an ihr hängen. Meine Mutter war vierundzwanzig. Sie war dünn und weiß. Sie sah aus wie ein Kind. Wenn neue Gäste kamen, musste sie sich anhören: „Wir haben hier gemietet, wo sind denn deine Eltern?“ Darüber hat sie sich irgendwann nicht mal mehr geärgert. Musste ja weitergehen. Jeden Tag ein Stückchen aufwärts.

Ich war kein Wunschkind. Auch nicht geplant. Es war aber auch kein Versehen. Es war eher eine Verkettung unglücklicher Umstände, dass es mich überhaupt gibt. Niemand wollte das. Am wenigsten meine Mutter. Dass ich auf die Welt kam, daran ist allein mein Großvater schuld. Der war in seinem Pelzgeschäft in der Westerländer Friedrichstraße ganz unpassend am Gas erstickt. Es heißt, er hatte sich Milch warm machen wollen. Der Gaskocher stand in einem kleinen Kabuff hinter dem Laden.

Ich erinnere mich an diese beklemmend kleine Abseite ohne Fenster. Dort stand eine Chaiselongue mit einem abgenutzten Bezug aus verschossener grüner Seide. Eine Kleiderstange mit fertigen, maßgeschneiderten Mänteln aus Nesselstoff, die auf die Anprobe warteten, darüber hingen zwei Fellbunde mit tabakbraunen Nerzen. Ein kleiner Tisch, ein Kamm, ein Rasierspiegel.

Es heißt, mein Großvater habe sich in der Mittagspause nur kurz hinlegen wollen, während dann die Milch auf dem improvisierten Gasherd überkochte. Mein Opa schlief, der Milchschaum löschte die Flamme, Gas trat aus. Opa tot. Ein bedauernswerter Unfall und ein nicht gerade pompöses Ende für einen großen Modeschöpfer, für einen Mann mit dieser großen Karriere. Er hatte den Luxus zu seinem Lebenszweck gemacht und damit ein Vermögen angehäuft. Mit seinem Tod endete dann auch in meiner Familie etwas verspätet das Zeitalter der Superdiven mit den verschwenderisch gearbeiteten übergroßen Pelzgarderoben. Der Laden hing voll damit. Aber es gab Ende der Fünfziger, Anfang der Sechziger keine Kundinnen mehr dafür. Vor allem nicht auf Sylt. Die Insel suchte noch ihren eigenen Neuanfang irgendwo zwischen Keilhose, Friesennerz und Freikörperkultur.

Mein Großvater war nicht alt, als er starb. Er lag da „wie hingegossen“, sagte sein Vermieter, Herr Patrone, der ihn am Nachmittag fand. Mein Großvater hatte sich vorher ausgiebig rasiert, sein weißes Hemd zeigte nicht eine Knitterfalte. Er war in Form, und er war erst achtundfünfzig. Und doch schien er allen schon damals aus der Zeit gefallen.

Er war Kürschnermeister der ganz alten Schule. Seine Mode und Kreationen kann man noch heute in den alten UFA-Filmen bewundern. Das war die Zeit, als der Pelz noch den Unterschied gemacht hat zwischen einer Frau und einer Dame. Für meinen Großvater war das seine Lebensaufgabe. Er war derjenige, der eine Frau zu einer Erscheinung machen konnte. Dazu gehört großes handwerkliches Können. Und um die Spitze zu erreichen, muss Handwerk in Kunst übergehen. Es gibt keinen Zweifel: Den Umgang mit Fellen hat er geliebt, und er hatte ebenso ein gutes Gespür für den Umgang mit Frauen, die auf der Suche waren nach einer Prise Extravaganz.

Meine Großmutter war das Modell "Göttin".

 „Er sah zwar immer aus, wie aus dem Ei gepellt, aber er war ein Suchtcharakter“, sagte meine Oma zu mir, rollte die Augen und rasselte mit ihren goldenen Armringen, um das Bedrohliche zu verstärken. Ich gruselte mich aber eher vor ihr als vor meinem toten Opa.

Sie war das, was man damals eine „gnädige Frau“ nannte, nämlich eine extrem selbstbewusste, anspruchsvolle, aufwendig gekleidete Madame im Schneiderkostüm mit einer strammen Wasserwelle auf dem Kopf, die niemals aus der Form geriet, selbst wenn die großen Nerzhüte drückten. Meine Großmutter trug ihre Pelze mit einer lässigen Selbstverständlichkeit und passte sich in jeder Dekade mühelos dem jeweils herrschenden Lifestyle an. Kochen war nicht so ihr Ding. Sie war Geschäftsfrau und verstand sich nebenbei als so eine Art Göttin.

Als mein Großvater im Januar 1961 im Hinterzimmer unseres Ladens in der Westerländer Friedrichstraße 25 plötzlich verstarb, waren Göttinnen hierzulande längst aus der Mode gekommen.

Marlene Dietrich, Zarah Leander, Katia Mann, Max Schmeling, Hans Albers. Alle waren weg. Nicht mehr auf der Insel. Es war vorbei. Auch das „Trocadero“ war geschlossen. Das legendäre Tanzlokal, in dem Smoking Pflicht war und mein Großvater eine tolle Figur gemacht und mit seinen Kunden gefeiert hatte. Dort spielte im Durchgang von der kleineren schummrigen Tanzbar zum größeren Saal Nacht für Nacht eine Kapelle. Livemusik war selbstverständlich. Teddy Stauffer trat dort auf, Helmut Zacharias und die unverwüstliche Caterina Valente.

Das Tanzparkett war schachbrettartig aufgeteilt und nummeriert. Wenn die Musik abrupt aufhörte zu spielen, wurde eine Zahl angesagt, und wer genau auf diesem Quadranten nach wildem Getanze zum Stehen gekommen war, gewann eine Flasche Sekt. Im Trocadero war von Josephine Baker bis Professor Sauerbruch alles vertreten, was ein Glas halten konnte. 1950 fanden im Trocadero die Wahlen zur „Miss Schleswig-Holstein“ statt. Es gewann Susanne Erichsen. Kurz danach wurde sie „Miss Germany“. Sylt spielte auch nach dem Krieg ganz groß auf. Aber das Trocadero schloss 1958, mein Großvater hatte seine glamouröse Kundschaft jedoch schon lange vorher verloren. Von Prunk zu prekär brauchte es nur wenige Jahre.

 

Opas plötzlicher Tod brachte meinen Vater in die Bredouille. Er hatte vor kurzem erst seine Kürschnerlehre abgeschlossen, war einundzwanzig Jahre alt, arbeitete als Geselle bei einer Firma im Allgäu. So was war damals üblich. Zuerst die Lehre im elterlichen Betrieb, dann woanders und möglichst weit weg berufliche Erfahrungen sammeln, bevor man dann wieder in den heimischen Betrieb zurückkehrt.

Auch meine Mutter Telse lebte woanders. Sie startete gerade in Düsseldorf durch. Weit weg von zu Hause. Nach einer Lehre im Reisebüro hatte man ihr die gesamte Fahrkartenabteilung des „DER Deutsches Reisebüro“ übertragen. Sie wollte Karriere machen, war auf dem besten Weg dazu, und dann kam leider die Vollbremsung: der Heiratsantrag meines Vaters. „Ohne dich schaffe ich das nicht“, sagte er. Er hatte mit der Westerländer Vereins- und Westbank gesprochen. Und ihm war ein Kredit und damit eine Chance zugesagt, die Firma neu zu beleben. Sie wollte aber nicht. Hat‘s dann aber trotzdem gemacht. Motivation: Ich kann ihn jetzt nicht hängen lassen, ich probiere es jetzt einfach mal aus, ich kann mich ja wieder scheiden lassen. Und so stieg sie in die Pelzbranche ein. Mit sehr wenig Begeisterung.

Heute sagt sie sogar: „Ich war immer auf dem Absprung. Meine Reisebüro-Chefs schrieben mir: ,Kommen Sie zurück!‘ Stattdessen kochte ich Wäsche im Keller, schleppte Kohleneimer runter und Asche wieder nach oben, hatte die Buchhaltung am Hals, tagsüber das Pelzgeschäft, zu Hause die Feriengäste und dann auch noch eine Schwiegermutter, für die ich immer nur zweite Wahl war. Viel zu wenig glamourös.“

Noch fünfzig Jahre später rechnen wir eigentlich jeden Tag damit, dass meine Mutter alles hinschmeißt und die Familie verlässt. Denn sie hat niemals einen Zweifel daran gelassen, dass ihr das alles hier nicht passte und unser gemeinsames Leben immer nur eine Zwischenlösung war – und noch ist. Aber bekanntlich hält ja nichts so lange wie ein Provisorium. Auch bei meiner Mutter.